Eine neue christliche Tierethik – Im Gespräch mit dem Theologen Kurt Remele

Die Würde des Tieres ist unantastbar – Unter diesem Titel ist im letzten Jahr das Buch des Theologen und Universitäts-Professors für Ethik und christliche Gesellschaftslehre Kurt Remele erschienen. In seinem Buch entwickelt Remele auf der Grundlage verschiedener tierethischer Positionen eine aktuelle christliche Tierethik, die die christlich-anthropozentrische Weltsicht* überwindet und den Begriff der Schöpfungsverantwortung zeitgemäß entfaltet.

KurtRemele_UniGraz04
Foto: (c)Kurt Remele

Christen für Tiere hat sich mit Herrn Prof. Remele zusammengesetzt, um über seine Arbeit, Franziskus‘ Umweltezyklika Laudato sí und sein neues Buch zu reden!

Herr Remele, Sie sind Theologe und Professor für Ethik und christliche Gesellschaftslehre. Seit wann beschäftigen Sie sich mit einer theologischen Tierethik? Was hat sich seitdem getan?

Dr. Kurt Remele: Zuallererst bin ich auf tierethische Fragen aufmerksam geworden, als ich vor etwa drei Jahrzehnten an einem Seminar mit dem buddhistischen Mönch Thich Nhat Hanh teilgenommen habe. Auf Thich Nhat Hanh wiederum bin ich über Thomas Merton gekommen, den US-amerikanischen Trappistenmönch, der sich sowohl für sozialethische Themen als auch für den interreligiösen Dialog sehr interessiert hat. Bei dem genannten Seminar wurde vegetarisch gegessen. (Inzwischen ernähren sich Thich Nhat Hanh und die Mönche und Nonnen seines Ordens vegan.) Das hat mich dazu gebracht, über mein Verhalten gegenüber Tieren nachzudenken, warum ich mich nicht vegetarisch ernähre usw. Ich habe entdeckt, dass es auch in meiner eigenen Religion, dem Christentum, einzelne Leute gibt, die sich mit tierethischen Fragen befassen und sich bemühen, mitfühlend und tiergerecht zu leben. Es war gar nicht so sehr Albert Schweitzer, sondern der weniger bekannte Johannes Ude, der mich beeindruckt hat. Ude war ein Zeitgenosse Schweitzers und wie dieser Pazifist und Vegetarier. Als katholischer Priester mit vier Doktoraten lehrte er einige Zeit an der Universität Graz, wo auch ich tätig bin. Von den zeitgenössischen Theologinnen und Theologen verdanke ich vor allem dem anglikanischen Theologen Andrew Linzey, den man als Pionier der christlichen Tierethik und Tiertheologie bezeichnen darf, viele theologisch-ethische Einsichten. Seit 2009 bin ich Fellow von Linzeys Oxford Centre for Animal Ethics. Ich nehme auch an den jährlichen Tagungen des Centre teil. Ich verstehe mich mit Linzey nicht nur wissenschaftlich, sondern auch persönlich sehr gut. Ich habe an einer Reihe von Sammelbänden mitgeschrieben, die Linzey – teils gemeinsam mit seiner Tochter Clair, die ebenfalls Theologin ist –, herausgegeben hat. Ich bemühe mich aber auch im deutschsprachigen Raum durch Beiträge in Fachzeitschriften, in Tages- und Wochenzeitungen, auf Tagungen und in Vorträgen, gelegentlich auch im Radio und im Fernsehen, für eine tierfreundliche christliche Ethik einzutreten.

Im Katechismus der katholischen Kirche heißt es: „Gott hat die Tiere unter die Herrschaft des Menschen gestellt, den er nach seinem Bild geschaffen hat [vgl. Gen 2, 19-20; 9,1-14]. Somit darf man sich der Tiere zur Ernährung und zur Herstellung von Kleidern bedienen. Man darf sie zähmen, um sie dem Menschen bei der Arbeit und in der Freizeit dienstbar zu machen. Medizinische und wissenschaftliche Tierversuche sind in vernünftigen Grenzen sittlich zulässig, wenn sie dazu beitragen, menschliches Leben zu heilen und zu retten.“ Die Approbation durch Johannes Paul II ist nun fast 25 Jahre her. Ist der Katechismus überhaupt noch zeitgemäß?

Dr. Kurt Remele: Problematisch an diesem Paragrafen ist, dass er sehr unpräzise formuliert ist und deshalb (fast) jede Tierquälerei durch ihn gerechtfertigt werden kann. Darauf hat sogar eine Mitarbeiterin der Glaubenskongregation, die belgische Theologin Marie Hendrickx, in einem Anfang 2001 erschienenen Artikel in der Vatikanzeitung  Osservatore Romano aufmerksam gemacht. Sie hat zum Beispiel gefragt: „Schließt das Recht, Tiere für die Ernährung zu gebrauchen, ein, dass man ein Huhn in einer Hühnerbatterie auf einer Fläche züchten darf, die kleiner ist als ein Blatt Papier?“ Sie stellte noch einige ähnliche Fragen und beantwortete sie alle mit Nein. Aber nicht nur die mangelnde Präzision der Textpassage des Katechismus ist zu kritisieren, sondern auch der Inhalt. Nicht nur eine Textstelle gehört reformiert, sondern der ganze Paragraf. Wenn man die Dinge genau liest, sieht man, dass der Katechismus an dieser Stelle all dem widerspricht, was Papst Franziskus in seiner Enzyklika Laudato sí über Tiere sagt.

gott_zeichnungSie gehören zum leider immer noch kleinen Kreis von Theologinnen und Theologen, die für die Rechte der Tiere im Kontext des Christentums plädieren und ein Umdenken im Umgang mit ihnen fordern. Dabei ist die Frage nach dem richtigen Umgang mit unseren Geschöpfen wichtiger denn je. Warum wird diesem Thema theologisch immer noch so wenig Beachtung geschenkt?

Dr. Kurt Remele: Ich bin mir selbst nicht ganz sicher, womit diese erstaunliche Verweigerung theologischer Kreise zusammenhängt, Tiere in der theologischen Wissenschaft und im persönlichen Verhalten als empfindungsfähige Wesen wirklich ernst zu nehmen. Es hat sicherlich mit dem kollektiven christlichen Gedächtnis zu tun, das bis heute stark anthropozentrisch geprägt ist. Vor allem im katholischen Raum gibt es außerdem noch eine eigenartige Opferideologie, durch die das brutale, unnötige, ethisch nicht zu rechtfertigende Töten von Tieren durch Menschenhand in eine freiwillige Lebenshingabe der Tiere zugunsten des Menschen umgedeutet wird. Insgesamt kann man sagen: Man hört heute sicherlich häufiger fromme Sonntagspredigten über die Schönheit und Gutheit von Gottes Schöpfung, aber nach dem Hochamt setzt man sich im Pfarr- oder Gasthaus zusammen und isst den Sonntagsbraten, der in der Regel von Tieren, die in Tierfabriken gemartert wurden, stammt. Diese Diskrepanz zwischen frommem Gerede und konkretem Tun ist unerträglich.

Der Papst hat mit seiner Umweltenzyklika Laudato sí einen Meilenstein in der Kirche begründet, in der Franziskus auch unser Verhältnis zu unseren Mitgeschöpfen thematisiert und dieses subtil kritisiert. Was genau fordert Franziskus?

Dr. Kurt Remele: In Laudato sí sagt Papst Franziskus großartige Dinge über Tiere. Noch kein Papst hat so deutlich sowohl den Eigenwert jedes einzelnen Geschöpfes als auch die Verbundenheit aller Geschöpfe miteinander betont wie dieser. Noch kein Papst hat Menschen- und Tierliebe so eng aufeinander bezogen: „Das Herz ist nur eines, und die gleiche Erbärmlichkeit, die dazu führt, ein Tier zu misshandeln, zeigt sich unverzüglich auch in der Beziehung zu anderen Menschen. Jegliche Grausamkeit gegenüber irgendeinem Geschöpf ‚widerspricht der Würde des Menschen‘.“ (Nr. 92) Dem „despotischen Anthropozentrismus“ (Nr. 68), der die Kirchengeschichte jahrhundertelang dominierte, setzt Franziskus die Überzeugung entgegen, dass Gottes lebenspendender Geist in allen Geschöpfen wohne (Nr. 88), dass der letzte Zweck der anderen Geschöpfe nicht die Menschen seien, sondern Gott „in einer transzendenten Fülle, wo der auferstandene Christus alles umgreift und erleuchtet“ (Nr. 83) und dass die nichtmenschlichen Geschöpfe durch „einen Vorrang des Seins vor dem Nützlichsein“ (Nr. 69) charakterisiert seien. Der Papst stellt klar: „Heute sagt die Kirche nicht einfach, dass die anderen Geschöpfe dem Wohl des Menschen völlig untergeordnet sind, als besäßen sie in sich selbst keinen Wert und wir könnten willkürlich über sie verfügen.“ (Nr. 69)

Bisher gibt es jedoch keinerlei (innerkirchliche) Veränderung oder Handlungsanweisungen, die Franziskus der Kirche, den Gemeinden und den einzelnen Gläubigen an die Hand gibt. Was können oder müssen die einzelnen Instanzen Ihrer Meinung nach tun, um nachhaltig zu einem Bewusstseinswandel beizutragen?

Dr. Kurt Remele: Dies ist sicherlich eine Schwäche der Enzyklika: Der Papst sagt sehr schöne, wichtige Dinge über die Würde und den Wert der Tiere, aber er bleibt sehr allgemein. Das mag damit zusammenhängen, dass er die Übersetzung seiner grundsätzlichen Aussagen in konkrete Handlungsanweisungen den lokalen Kirchen überlassen will. Ein paar deutliche Worte gegen die Massen- und Intensivtierhaltung hätten die Relevanz von Laudato sí aber zweifellos erhöht. Am wichtigsten wäre jetzt, um an meine früheren Gedanken anzuschließen, dass in Kirchen nicht nur blumig-banale Sonntagspredigten über die Bewahrung der Schöpfung gehalten werden, sondern der traditionelle Sonntagsbraten durch ein schmackhaftes vegetarisches oder – noch besser – veganes Gericht ausgetauscht wird.

Im April dieses Jahres ist Ihr neues Buch Die Würde des Tieres ist unantastbar. Eine neue christliche Ethik erschienen. Was erwartet die Leser/-innen?

FullSizeRenderDr. Kurt Remele: Um es kurz zu machen: Ich habe eine christliche Tierethik verfasst, die den heutigen wissenschaftlichen Erkenntnissen der kognitiven Ethologie, der Ernährungswissenschaften, der ökologischen Ethik, der philosophischen und theologischen Ethik entspricht und daraus die Konsequenzen für menschliches Handeln zieht: kein Essen von Tieren und vorzugsweise auch Tierprodukten, keine Stierkämpfe und keine Wildtiere in Zirkussen, keine (Hobby-)Jagd und keine Zoos, keine medizinischen und wissenschaftlichen Tierversuche. Ich argumentiere mit einsehbaren, verständlichen, guten Argumenten für diese neue Ethik. Es handelt sich also wirklich um eine neue christliche Tierethik. Und ich zeige auch, dass es in der Kirchengeschichte tierfreundliche Traditionen gibt, die noch viel zu wenig bekannt sind.

An dieser Stelle danken wir Herrn Dr. Remele sehr für das tolle Gespräch!

remele
Foto: (c)Kurt Remele
Über Prof. Kurt Remele

Dr. Remele ist römisch-katholischer Theologe und ao. Professor für Ethik und christliche Gesellschaftslehre an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Karl-Franzens-Universität Graz. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählt u.a. die Umwelt- und Tierethik. Er plädierte für eine tierfreundliche theologische Ethik, in der Tiere nicht instrumentalisiert, sondern als empfindungsfähige Mitgeschöpfe respektiert werden. Seit 2009 ist Dr. Remele Mitglied des Oxford Centre for Animal Ethics.

* Anmerkung der Redaktion: der Mensch sieht sich als Mittelpunkt des weltlichen Geschehens und nimmt sich das Recht auf uneingeschränkte, rücksichtslose Machtausübung

Durch die Nutzung dieser Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen