Wir dürfen uns an der Schöpfung bedienen – Theologe Dr. Rainer Hagencord im Gespräch über die theologische Würdigung der Tiere

Wir dürfen uns an der Schöpfung bedienen, schließlich ist der Mensch die Krone der Schöpfung! – Diesen Satz haben Sie vermutlich schon einmal gehört, wenn Sie sich in Ihrer Gemeinde, bei Ihren Freunden oder Ihrer Familie für eine tierfreundliche Lebensweise ausgesprochen haben. Nicht selten müssen sich gläubige Christinnen und Christen den Vorwurf anhören, dass unser Glaube und unsere Religion die „Nutzung“ unserer Mitgeschöpfe legitimiert.

Foto: (c)Tatjana Jentsch
Foto: (c)Tatjana Jentsch

Christen für Tiere hat sich mit dem Theologen und Biologen Dr. Rainer Hagencord – dem Mitbegründer des Instituts für Theologische Zoologie – zusammengesetzt, um über seine Arbeit, den missverstandenen Herrschaftsauftrag und über das, was jeder Einzelne tun kann, um zu einem guten Beschützer unseres Lebenshauses zu werden, zu reden.

Herr Dr. Hagencord, Sie sind Gründer des Instituts für Theologische Zoologie in Münster. Ihr Ziel ist es, das Verhältnis zwischen Mensch und Tier aufzuarbeiten und die Würde der Tiere aus der Perspektive der Theologie neu zu bestimmen. Wie muss eine theologische Würdigung der Tiere aussehen? Wo sehen Sie noch großen Handlungsbedarf?

Dr. Rainer Hagencord: Die theologische Würdigung der Tiere braucht zwei Säulen: Die eine Säule ist die naturwissenschaftliche, das heißt, es geht darum, verhaltensbiologische, evolutionsbiologisch-ökologische Erkenntnisse zu sammeln und diese zusammenzutragen, um deutlich zu machen, welche Rolle Tiere in ihren jeweiligen Lebenssituationen, dem Öko- und Sozialsystem spielen und welche Bedeutung sie für uns haben. Die zweite Säule ist die theologische – und hier gilt es zunächst mal, biblische Sichtweisen zu sammeln, neu zu entdecken, was wir biblisch zur Würde der Tiere sagen können und das mit anderen theologischen Denkfiguren zu verbinden, um auch hier neuzeitlich deutlich zu machen, dass die Tiere dringend mit in die Theologie gehören und auch der Würdebegriff zu definieren ist. Ich sehe vor allem hier in Europa großen Handlungsbedarf im Hinblick auf die industrielle Tierhaltung, die ja nicht nur ein System ist, das die Würde der Tiere mit Füßen tritt, sondern letztlich auch der Menschen, die in diesen Bereichen arbeiten, die beispielsweise für die Erzeugung der Futtermittel – Stichwort Soja – sorgen, Menschen in den sogenannten dritte Welt-Ländern. Theologisch kann man beim System der industriellen Tierhaltung von einer strukturellen Sünde sprechen. Ich halte es für das primäre Ziel, eine Argumentation stark zu machen, um dieses System auf Dauer zu überwinden.

Der sogenannte Herrschaftsauftrag in Genesis 1 wird heutzutage oftmals genutzt, um den Missbrauch an der Schöpfung und unseren Mitgeschöpfen zu legitimieren. Ist dies aus theologischer Sicht gerechtfertigt?

Dr. Rainer Hagencord: Eindeutig nein! Erstens ist es so, dass der Text, der diesen Herrschaftsauftrag enthält, 3000 Jahre alt ist und wir heute mithilfe exegetischer, also bibelwissenschaftlicher Arbeiten wissen, dass dieser Begriff eine Einweisung in die Verantwortung markiert. Der Mensch soll mit seinen Mitgeschöpfen umgehen wie ein guter Hirte und ein guter König. Zweitens ist es so, dass auch der Papst in seiner neuen Enzyklika Laudato si‘ genau das stark macht und sagt, die Bibel gebe keinen Anlass für einen despotischen Anthropozentrismus (Anmerkung der Redaktion: der Mensch sieht sich als Mittelpunkt des weltlichen Geschehens und nimmt sich das Recht auf uneingeschränkte, rücksichtslose Machtausübung). Der Mensch ist biblisch und somit auch theologisch als Anwalt für die Mitgeschöpfe zu verstehen.

"Gott erschafft die Landtiere" - Zeichnung von Antonio Tempesta (Italien, 1555-1630)
„Gott erschafft die Landtiere“ – Zeichnung von Antonio Tempesta (Italien, 1555-1630)

Die Bibel enthält viele Erzählungen über Brandopfer. Lässt sich das Töten von Tieren als Opfergabe theologisch rechtfertigen?

Dr. Rainer Hagencord: Biblisch ist es so, dass das Tieropfer ein Übergangsphänomen ist: In vielen Religionen wurden Menschen geopfert. Das Tieropfer kam dann als Ersatz für das Opfer des Menschen. Ziel war es, Gott gegenüber eine Dankbarkeit auszudrücken, indem das zurückgegeben wurde, was Menschen von ihm erhalten haben. Diese Funktion hat das Tier bekommen. Letztlich ist aber durch die großen Propheten, die biblisch beschrieben werden, bis hin zu Jesus von einem Gott die Rede, der Barmherzigkeit will – und keine Opfer. Die Ablösung aller Opfer, das ist das Ziel der Predigt Jesu!

Sie haben einmal gesagt: „Die Tiere sind die zuerst gesegneten der Schöpfung, die Tiere sind beseeltes Gegenüber des Adam in der Erzählung vom Garten Eden, die Tiere sind nach der Sintflut Bündnispartner Gottes, die Tiere sind Teilhaber einer Welt ohne Gewalt“ – Könnte man sagen, Mensch und Tier sind vor Gott und voreinander ebenbürtig?

Dr. Rainer Hagencord: Das ist zumindest die grundlegende Einsicht, und der Bund, den Gott mit den Tieren und den Menschen schließt, ist letztlich das Bild dafür, ein Symbol. Gott ist Bündnispartner der Menschen und der Tiere, d. h., Tiere sind nicht für uns da. Sie haben eine eigene Gottesbeziehung. Insofern sind sie uns ebenbürtig. Wenn wir den Gedanken der Verantwortung dazu nehmen, hat der Mensch natürlich eine Sonderstellung, denn weder der Panda noch der Blauwal haben Verantwortung für alles Leben. Diese haben nur wir Menschen, und das müssen wir dringend neu buchstabieren: Unsere Sonderrolle besteht darin, Verantwortung zu übernehmen.

Wie sähe eine Welt aus, in der die Tiere die Würdigung erfahren, die Sie sich wünschen?

Das Foto zeigt eine "Legehenne" in einem Biobetrieb. Foto: (c)PETA-D
Das Foto zeigt eine „Legehenne“ in einem Biobetrieb. Foto: (c)PETA-D

Dr. Rainer Hagencord: Das ist schon was Visionäres und ich glaube, dass wir so eine Welt schwerlich erreichen werden. Ich bin kein Optimist, denn der Raubbau an den Ökosystemen wird sicherlich weiter gehen; und ich weiß auch nicht, ob wir ein Ende der industriellen Tierhaltung erleben werden. Jedenfalls sind das die beiden Spuren, die ich stark machen will: Das wir erstens hier in Europa alles daran setzen, dieses System der industriellen Tierhaltung zu überwinden, und zweitens alles daran setzen, dass die wunderbaren Ökosysteme dieser Welt – die Riffe, die Meere, die Wälder – erhalten bleiben und alle Menschen guten Willens zusammenarbeiten.

Was können Kirchengemeinden und vor allem Christinnen und Christen tun, um den eher abstrakten Begriff der „Würde“ der Tiere mit Inhalt zu füllen?

Dr. Rainer Hagencord: Ich glaube, dass der Bildungsauftrag berührt ist, d. h., dass die Kirchengemeinden und Christinnen und Christen im Religionsunterricht und in den Feldern der Erziehung, der Pädagogik und der Katechese diese Fragen ganz stark einbringen und bearbeiten. Zweitens, dass sie Zeichen setzen bei Pfarrfesten und anderen Ereignissen […]. Drittens ist es so, dass wir den Begriff der Würde übersetzen könnten – und da fallen mir drei Begriffe ein: Staunen, Ehrfurcht und Verantwortung. Staunen vor allem, was da lebt. Ein ehrfürchtiges Zurücktreten, denn wir sind nicht im Mittelpunkt des Lebendigen, sondern wir sind Mitgeschöpfe. Und Verantwortung zu übernehmen, für alles, was lebt.

An dieser Stelle danken wir Herrn Dr. Hagencord sehr für das tolle Gespräch!

Über Dr. Rainer Hagencord

Dr. Rainer Hagencord ist Mitbegründer des Instituts für Theologische Zoologie in Münster. Nach seinem Theologiestudium und seiner Priesterweihe nahm er, nach vierjähriger seelsorgerischer Arbeit, das Studium der Philosophie und Biologie – mit dem Schwerpunkt Verhaltensbiologie – auf. Seine Arbeiten konzentrieren sich darauf die Würde der Tiere im Spannungsfeld dieser Wissenschaften neu zu definieren und auf Grundlage des interdisziplinären Austausches ein neues theologisches Verständnis der Mensch-Tier-Beziehung zu bestimmen.

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